Donnerstag, 31. Juli 2008

Das große Interview

"Seit dem Augenblick, wo ich das Glück hatte, Vincents früheste Filmmusiken, die er noch in der Schweiz komponiert hatte, zu hören, war ich davon überzeugt, dass er eine großartige Zukunft vor sich haben würde. Meinen Glauben an ihn hat er bestätigt, indem er an so vielen Filmen gearbeitet hat, seitdem er nach Los Angeles gezogen ist."
Christopher Young

Vincent Gillioz wurde 1967 im französisch- sprachigen Teil von Genf geboren, spielte in seiner Jugend Gitarre in Heavy Metal Bands, studierte dann Jazz und Gitarre in Boston und später Komposition in der Schweiz. 2001 zog er nach Los Angeles, vertonte bereits bald seine ersten Filme und wurde bekannt mit seinem Förderer Christopher Young, sowieso ausgezeichnet mit verschiedenen Preisen für die beste Filmmusik. Bis heute arbeitete er an 47 Projekten innerhalb von 7 Jahren und ist einer der vielversprechendsten Newcomer Hollywoods. Grund genug, hier mal mit dem aufstrebenden Künstler zu sprechen.
Als ich Kontakt zu Vincent Gillioz aufnahm, zeigte sich mir ein erstaunlich offener, humorvoller und freundlicher Komponist, der sofort zu einem Interview bereit war und mit mir in einem dreistündigen Marathon über Hollywood, Filmmusik und persönliche Vorlieben diskutierte und einen einmaligen Einblick hinter die Kulissen der Traumfabrik gewährte. So ist dies letztendlich mehr als ein gewöhnliches Interview geworden, vielmehr ein Bericht oder eine Dokumentation über einen außergewöhnlichen Künstler, der in sechs Jahren mehr als 40 Filme vertonte und auf seinen großen Durchbruch wartet.
Einen großen Dank von mir an einen Freund, der sich die Zeit für dieses Projekt genommen hat, sich mit großer Freude und viel Humor geduldig meinen Fragen gestellt und Dinge erzählt hat, die man so von einem Komponisten wohl nie hören würde. Es war ein großes Vergnügen und ein eben solches ist es hoffentlich auch für den Leser.

Du bist in der Schweiz geboren, hast dort eine zeitlang studiert, bist dann aber in die USA gezogen- wolltest du schon immer dort arbeiten oder hast du in deiner Heimat keinen Job gefunden?
Ich wollte schon immer in Los Angeles als Filmkomponist arbeiten. Als ich in der Schweiz studiert habe, wollte ich schon Filmkomponist werden und ich habe ein paar Produktionsfirmen kontaktiert, aber in der Schweiz werden nicht viele Filme gemacht und eine große Karriere kannst du da nicht machen.
Aber du hast für ein paar Filme aus der Schweiz die Musik gemacht- L’Ecart oder Quelques Jours avant la nuit.
Ja, aber ich arbeitete an ihnen von Amerika aus- der Produzent rief mich hier in Los Angeles an, er hatte meine Adresse aus den Gelben Seiten (lacht). Diese Gelben Seiten sind nur für Leute, die beim Film arbeiten- Kostümdesigner, Cutter, Komponisten und so hatte er meine Telefonnummer gefunden. Er war sehr überrascht und begeistert über meine Musiken, die ich schon geschrieben hatte. Zu dem Zeitpunkt lebte ich schon etwa fünf Jahre hier in Amerika, war immer sehr beschäftigt und hatte schon einige Filme vertont. Das ist auch ein Unterschied zur Schweiz, denn hier in LA habe ich alle Möglichkeiten zu arbeiten, es gibt viel zu tun, in der Schweiz ist das nicht so.
Ein paar Freunde hatten mich außerdem dem Produzenten für L’Ecart empfohlen, ich bin mit ihnen zur Universität gegangen und sie kannten meine Musik. Ich konnte bequem mithilfe des Internets von Burbank aus an den Filmen arbeiten, ich habe die Musik komponiert, sie mit dem Quick Time Player zu den Bildern gefügt und mit Dialogen gemixt. Die Produzenten konnten sich das Ergebnis in der Schweiz dann ansehen und mir per Telefon oder E- Mail Feedback geben.

Als du noch in der Schweiz gelebt hast, hast du in Heavy Metal Bands Gitarre gespielt...
Ja, als ich noch Haare hatte! (lacht)

Es ist ein bisschen ungewöhnlich für einen späteren Filmkomponisten, in Heavy Metal Bands zu spielen.
Ich fing an, Gitarre zu spielen im Alter von vierzehn Jahren und spielte Rock, Heavy Metal, Speed Metal wie Metallica. Zu dieser Zeit dachte ich noch gar nicht an Filmmusik, obwohl ich mir da meinen ersten Soundtrack auf Kassette kaufte: Star Wars von John Williams.
Du hast dann aber auch Jazz in Bosten studiert und klassische Komposition in Geneva- wie kam dieser Wandel?
Während ich Gitarre spielte, hat mich auch andere Musik fasziniert. Jazz hat mich interessiert, weil es so anders ist als Metal- man muss seinen Kopf nicht die ganze Zeit schütteln! (lacht) Eigentlich wollte ich ja Studio- Gitarrist für CD Aufnahmen werden, ich träumte davon, ein Guitar Hero zu sein und war ein Guitar Zero. Dann bin ich zum Berklee College gegangen um Gitarre zu studieren, entdeckte da aber die Filmmusik und schließlich konnte ich studieren, was ich wollte. In den USA ist das sehr einfach, sie empfangen dich mit offenen Armen. Wenn es funktioniert, dann funktioniert es, wenn nicht, dann nicht. Eine völlig andere Einstellung als in der Schweiz. Die haben da sehr viele Vorurteile, nach dem Motto: "Wenn du mit klassischer Musik nicht im Alter von acht Jahren angefangen hast, kannst du es vergessen!" Wenn du nicht im Bauch deiner Mutter damit angefangen hast, kannst du es nicht machen! (lacht)
Ich habe dann also in Boston Filmkomposition und Gitarre studiert, bin dann kurz in die Schweiz an die Universität zurückgekehrt und habe mich mit klassischer Musik und Orchestration befasst.
Am Konservatorium nehmen sie Filmmusik nicht ernst, sie halten es für "leichte" Musik und lächeln dich nur müde an. (lacht) Aber das ist okay, ich meine, es stört mich nicht. Wenn du es machst, weißt du, wie respektabel es ist. Wenn du nichts über diese Musik weißt, dann lächelst du, weil du denkst, dass es einfach ist und dass man dafür kein Talent braucht- aber das ist alles Unwissenheit.

Für dich ist also Filmmusik gleichwertig mit Konzertmusik?
Oh, jede Musik ist für mich gleichwertig! Rock, Pop, Metal... es kommt darauf an, wie du es machst. Das ist wie mit einem Film. Es gibt gute Komödien oder Horrorfilme, aber auch schlechte. Nicht jeder Horrorfilm ist generell schlecht, es kommt eben auf die Machart an. Sie lächeln vielleicht über Science- Fiction Filme, aber guck dir 2001- A Space Odyssey an, das ist ein großartiger Film, oder The Shining, ein atemberaubender Horrorfilm von demselben Typen. Das ist eben nichts Generelles.

Wann hast du angefangen, Musik zu komponieren? Schon in der Metal- Band?
Ja, ich habe dort ja Gitarre gespielt und wir haben auch all unsere Musik selber geschrieben und auch nur die gespielt. Wir haben nie eine andere Band gecovert, nie ein Lied gespielt, das vorher schon existierte. Mein Berufswunsch war zwar, Gitarrist zu werden, aber dann habe ich gemerkt, dass mich nicht das Spielen so faszinierte, sondern die Noten aufzuschreiben. Ich fand es toll, sie aufzuschreiben und dann zu sagen: Der Drummer spielt das und der Bassist dieses. Dessen war ich mir aber erst bewusst, als ich angefangen habe, serielle Musik zu studieren, da fiel mir auf: "Wow, ich liebe den Kontrapunkt!" Das Studium war sehr spannend, ich habe immer ausprobiert, welchen Akkord ich über einen anderen legen kann. Dabei hat es mich nicht interessiert, das spielen zu können. Es gab da ja Leute, die jeden Tag acht Stunden auf der Gitarre oder dem Klavier geübt haben, aber das wollte ich nicht machen. Ich liebte Filme und ich liebte das Kino, da habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum ich das Kino so liebe- weißt du, ich setze mich ins Kino und da ist diese Atmosphäre, geschaffen von der Musik, das ist einzigartig! Und da dachte ich mir, hey, das kannst du auch! Ich liebte Musik und ich liebte Filme, für mich ist es das Schönste in meinem Leben, diese beiden Leidenschaften zu verbinden. Dafür musst du Filme wirklich lieben, ich kenne aber auch viele in diesem Business, die das nicht tun und die sich nicht wirklich mit Soundtracks auskennen. Die tun das dann nur des Geldes wegen, aber dann können sie damit kein Geld verdienen, weil sie Filme und Musik nicht lieben. Was meint diese Filmszene und welche Wirkung hat die Musik darauf, das muss man im Gefühl haben. Es gibt Szenen, die verlangen vielleicht nur eine Note, aber dann ist es wichtig zu wissen, wann man diese Note einsetzt und wie lange man sie hält. Man muss wissen wie und warum, dabei geht es nicht um Filme oder Musik, es geht um beides.

Musstest du dafür studieren?
Man kann sich auch alles selbst beibringen, aber das Tolle an der Schule ist die Dichte der Informationen. Wenn du einen Lehrer hast- privat oder in einer Schule- dann zeigt er dir einen Weg, aber auf keiner Schule wird dir vorgeschrieben, welche Note du hinter eine andere setzen musst. Sie geben dir nur die Werkzeuge, sie erklären dir, welche Instrumente gut wären, wie hoch du für eine Violine schreiben kannst, aber sie sagen dir nie: Tu das und tu dieses! Das liegt immer an dir und das ist großartig. Danach solltest du schauen, wenn du auf eine Schule gehst. Achte nicht darauf, dass sie dir sagen, was genau du tun sollst. Sie sollen dir die Werkzeuge geben, mit denen du ausdrücken kannst, was in deinem Kopf passiert. Du kennst das, manchmal hast du einen bestimmten Sound in deinem Kopf und fragst dich, wie du den aufschreiben kannst. Nach der Schule solltest du dazu in der Lage sein. Wenn sie dir nicht genug Werkzeuge geben, sollten sie dir aber solch eine Erziehung geben, dass du weißt, wie du sie findest. Das solltest du von Schulen erwarten.
Das, was dir nicht an der Schule beigebracht wird, ist, wie man einen Film zum Vertonen findet und das ist das Schwierigste von allem. Es ist nicht das Komponieren oder das Orchestrieren, sondern die Suche nach einem Auftrag. Es ist wirklich sehr schwierig. Chris (Young) sagt das immer: Komponieren ist das, was erst an zehnter Stelle steht, das interessiert am Anfang keinen. Wichtig ist zu wissen, wie man sich am besten verkauft, wie man seine Telefongespräche führt, wie man an einen Auftrag kommt, wie man mit Regisseuren umgehen muss, wie man am besten seine CD produziert, in welcher Reihenfolge man die Tracks packt, wie man sie am besten präsentiert- alles sowas, was eigentlich nichts mit Musik zu tun hat (lacht). Das kann man auch im realen Leben sehen: es gibt viele tolle, wirklich großartige Komponisten, die aber nur wenig Filme vertonen und kaum bekannt sind. Du hörst ihre Musik und denkst: Die sind erstaunlich!! Warum machen die nicht mehr Filmmusik? Nun, das ist alles Marketing, es liegt nicht an ihrer wirklich tollen Musik, sie wissen einfach nicht, wie man sich am besten verkauft.
Es gibt natürlich auch das genaue Gegenteil- nicht besonders gute Komponisten, die aber sehr viele Filme vertonen und wo du dir nur denken kannst, was zur Hölle geht da ab?
Das Erste, was du lernen solltest, ist, wie man sich am besten verkauft, das ist das Wichtigste. Ich habe großen Respekt vor den vielbeschäftigten Komponisten, aber auch für sie ist es nicht immer leicht. An einem Film arbeiten sehr viele Leute zusammen und für seinen Platz muss man kämpfen. Es wird nie so sein, dass du dich in deinen Sessel setzt und alle Dinge von selbst auf dich zukommen, ohne dass du danach gefragt hast. Wenn du einmal aus diesem Looping, diesem Kreis raus bist, seit einem oder einem halben Jahr keinen Film mehr bekommen hast, bist du heutzutage raus aus dem Looping. Die Leute vergessen, dass du existierst.

Findest du das schlimm?
Nein, ich finde das sogar ganz gut, weil dadurch ja auch ein Platz für neue, unbekannte Komponisten freigemacht wird. Die Türen sind für eine gewisse Zeit offen, nicht lange, aber sie bieten dir einen Platz an.

Also denkst du, dass junge, neue Komponisten durchaus eine Chance in Hollywood haben!?
Ja, definitiv, das ist ja das Tolle hier. Junge Komponisten werden natürlich nicht sofort den teuersten Blockbuster angeboten bekommen, man muss sich hier hocharbeiten. Allerdings beobachten wir hier dasselbe Problem wie in der allgemeinen Gesellschaft- es ist das Verschwinden der Mittelklasse, es werden kaum noch Filme mit mittelgroßen Budgets gedreht. Entweder hast du hier Filme, die extrem viel Geld gekostet haben oder Filme, die mit wenig Geld entstanden sind. Auch für die Musik sind die Budgets in den letzten Jahren immer mehr geschrumpft, das ist ein Problem, weil sie zwar weniger Geld geben, aber erwarten, dass die Musik weiterhin gut klingt. Das sieht man sehr gut, weil ja viele Filmmusiken in Osteuropa aufgenommen werden, weil es einfach günstiger ist. Sie geben uns hier nicht viel Geld für die Aufnahmen, also müssen wir ins Ausland gehen. Das ist die einzige Möglichkeit für uns, zu überleben. Ein hartes und schwieriges Geschäft. Das Problem mit dem Geld kann man aber überall auf der Welt beobachten, China baut große Tonstudios, Kasachstan, wo Mongol gedreht wurde, ist sehr günstig, Rumänien, Bulgarien, dort drehen sie jetzt viele Filme und ich bin mir sicher, bald werden sie auch Komponisten dort finden, die viel günstiger sind als wir von Hollywood, das ist nur noch eine Frage der Zeit. Es wird schwieriger und schwieriger. Interessiert dich das, weil du selber Komponist werden willst?

Nein, das muss nicht sein.
Gut für uns! (lacht) Einer weniger! Warum nicht?

Mir macht es Sorgen, dass die Qualität von Filmmusiken immer mehr sinkt. Golden Age, Silver Age- viele Leute nennen den derzeitigen Zustand "Wooden Age"...
(lacht) Wooden Age... ja, das stimmt! Es ist das "Loop" Age.

Viele Synthesizer- lastige Filmmusiken, Hans Zimmer bestimmt den Sound im Moment.
Das Loop Age, das Drumbeat Age... Das hängt mit der Technologisierung zusammen, dasselbe Problem kannst du auch beim Filmdreh beobachten. Jeder, der eine Filmkamera hat, denkt, er wäre ein Regisseur. Meine Oma hat den Heiligabend in der Familie gefilmt, sie ist eine Filmemacherin! Es gibt schon eine Menge schlechter Filme, eben weil diese Leute denken, eine Kamera zu haben bedeutet, einen Film drehen zu können. Es geht nicht um die Handlung, du filmst einfach, was du siehst.

Als du nach Hollywood gezogen bist, musstest du aber nicht lange auf einen Auftrag warten und wurdest sogar Schützling von Christopher Young.
Ich war sehr glücklich, dass ich nach sechs Monaten hier meinen ersten Auftrag bekam. Der Produzent war sogar Deutscher, wenn ich mich richtig erinnere...
Du weißt nie, woher der Auftrag kommen kann. Als ich hierher gezogen bin, habe ich mir nach einem Monat ein Auto von einer Schauspielerin gekauft kennen- ich glaube, auch eine Deutsche- und sie hat mich nach sechs Monaten angerufen und mir gesagt, sie würde da einen deutschen Produzenten kennen, der nach einem Komponisten für seinen Film sucht, der in Los Angeles gedreht wird. So ist das passiert. Und dann habe ich Christopher Young getroffen. Er hat eine Gemeinschaft, die er die "Society of Composer and Lyricists" und jedes Jahr zu Weihnachten haben alle diese Komponisten ein Dinner zusammen. Es ist sehr teuer, wenn du daran teilnehmen willst, also habe ich mich als Freiwilliger gemeldet, dort ein bisschen mitzuhelfen als Kellner, um diese Komponisten kennenzulernen. Das war sehr lustig- Alf Clausen war da, der Komponist von den Simpsons oder Alf, ein wunderbarer, sehr humorvoller Mensch. Mit 18 Jahren habe ich alle diese Serien gesehen und 15 Jahre später stehe ich dem Mann gegenüber, der die Musik dafür gemacht hat. Dann habe ich Christopher Young getroffen. Eigentlich wollten ich mich bei ihm nur bedanken für all die wunderbare Musik, die er geschrieben hat. Ich war und bin ein großer Fan von ihm und hatte zu der Zeit schon alle seine Filmmusiken, obskure Musiken wie Invaders From Mars, Haunted Summer oder Def Con 4. Er war unglaublich freundlich und offen, er hat mich gleich gefragt, wie ich heiße und wann ich hier angekommen bin. Er hat mir sogar seine Telefonnummer gegeben und mich zu sich zum Lunch eingeladen, zu dem ich einige Demos von mir mitbringen sollte. Chris mochte das, was ich geschrieben hatte und hat mich beim Sundance Film Festival empfohlen. Er unterrichtet ja als Lehrer an der USC und sieht dort viele junge Komponisten, die er auch unterstützt- mir hat es daher sehr viel bedeutet, dass ich der Einzige war, den er empfohlen hat. Die meisten großen Komponisten würden sagen: Das klingt großartig, toll, mach weiter so, da weißt du aber nicht, was sie wirklich denken und viele denken nur, deine Musik stinkt, geh nach Hause! (lacht) Niemand hilft dir wirklich. Chris war aber wirklich fair. Ich hatte damals sehr schlechte Samples und er hasste all diese Samples, in diesem Punkt ist er sehr altmodisch, er ging bei meinen Demos aber nicht nach dem Ton an sich, sondern er hörte die Komposition selbst und die fand er sehr gelungen. Regelmäßig hat er mich angerufen, mich gefragt, was ich mache und wie es mir geht oder mir einige Soundtracks ausgeliehen. Wenn ich seine Hilfe brauchte, konnte ich ihn immer anrufen. Er hat mir sogar ein Studio "geliehen", dass ich für meine Musik God’s Waiting List brauchte, wir haben da den Trompetenspieler aufgenommen.
Ich habe auch Shirley Walker getroffen, sie hat die Musik für die Final Destination Filme gemacht. Eine wirklich sehr nette Frau. Sie hat mich zu ihren Recording Sessions eingeladen. Willard ist ein toller Score von ihr mit den Akkordeons!

Waren es nicht vier Akkordeons insgesamt?
Ja, genau! Eine wundervolle, sehr humorvolle Frau. Hast du die DVD zu Final Destination? Du kannst da einen Audiokommentar von ihr hören, sie ist da wirklich sehr lustig.

Leider ist sie vor zwei Jahren verstorben...
Ja, das kam sehr überraschend. Sie war ja noch jung, Mitte 50. So ein plötzlicher Tod kann jedem passieren... es war wirklich sehr traurig.
Ich habe auch Larry Groupé getroffen, ein nicht sehr bekannter Komponist, kennst du ihn?

Arbeitet er nicht nur fürs Fernsehen?
Ja, er ist jetzt mehr in dem Bereich, er hat aber auch zu dem Film The Contender die Musik gemacht. Ein netter Mensch- aber der hilfreichste war Christopher Young. Er ermutigt dich, gibt dir Kraft und Inspiration. Das mag ich an Amerika. Hier sind alle sehr optimistisch und hilfreich, in der Schweiz hingegen ist vieles sehr pessimistisch. Ich meine, was willst du mit Leuten machen, die dich ständig entmutigen, die dir sagen: Das funktioniert so nicht, wir haben nicht genug Geld und so weiter.
Bei den Filmen aus der Schweiz, für die ich gearbeitet habe- L’Ecart und Quelques Jours avant la nuit- war die Atmosphäre aber ganz angenehm, weil alle auch sehr aufgeregt waren. Ihr Budget war nicht groß und ich wollte ihnen helfen. Zuerst dachte ich: Was? Ein Film aus der Schweiz?? Das kann ich nicht glauben! (lacht) Deutschland hat viele gute Filme und viele begabte Komponisten. Ich mag Klimek und Heil zum Beispiel. Sind die dir ein Begriff?

Sie haben die Musik für das Parfüm gemacht, aber ich bin kein großer Fan von ihnen.
Oh... naja, sie machen manchmal ganz coole, atmosphärische Musik.

Ich mag diese atmosphärische Musik nicht wirklich...
Das ist das Wooden Age! (lacht) Naja, ich sehe schon, lassen wir das besser...

Du hast mal mit Edward Shearmur und Mark Isham zusammengearbeitet?
Nicht direkt- ich habe sie beim Sundance Festival getroffen, bei der Komponistenrunde. Ich habe an meiner Musik gearbeitet und Ed Shearmur, Mark Isham oder George Clinton haben mich besucht, sogar Thomas Newman und Rolfe Kent! Sie haben mir dann Feedback gegeben, wie sie meine Musik finden, wir haben dann in großer Runde diskutiert. Das war sehr lustig, vor drei Monaten war ich mit meiner Freundin in einem Restaurant in LA Downtown und saß drei Tische entfernt von Rolfe Kent! Ich habe ihn erst nicht erkannt, es war ja lange her und mittlerweile hat er einen Bart- als ich fertig war mit essen, bin ich zu ihm hin gegangen und habe ihn gefragt, ob er Rolfe Kent sei! (lacht) Er war sehr erstaunt darüber, Filmkomponisten werden ja in der Regel nicht auf offener Straße erkannt. Niemand weiß, wie sie aussehen, das interessiert niemanden. Er aß da jedenfalls gerade Mittag mit dem Regisseur von Matador, dem Film mit Pierce Brosnan, und hat mich ihm gleich vorgestellt. Rolfe ist ein unglaublicher, witziger Kerl, sehr offen, ich liebe seine Musik. Ich schreibe manchmal noch E- Mails mit ihm, wenn ich seinen Rat brauche, was Agenten und Verträge angeht.
Ich mag auch Thomas Newman sehr gerne, Howard Shore, John Corigliano, mein Lieblingskomponist aber ist Elliot Goldenthal, seine Musik ist einfach unbeschreiblich! John Williams ist natürlich der Meister aller Meister, er ist der Unberührbare, Jerry Goldsmith auch. Wenn ich Williams mal am Telefon hätte, wäre das natürlich großartig, ich bin sicher, das würde toll klingen, er ist wohl der am meisten respektierte Komponist. Ich glaube nicht, dass ich mal eine schlechte Musik von ihm gehört habe und das ist fantastisch. Selbst von Goldsmith gibt es Scores, die ich nicht mag- einige seiner 90er Jahre Sachen... Runaway ist schrecklich! Seine früheren Musiken sind großartig: Freud, Planet Of The Apes oder auch Papillon, da gibt es viele... Outland, Tora Tora Tora, Patton, Moritouri... sehr gut.

Ich habe da einen Satz in deiner Kurzbiographie gelesen: "Sein großer Erfolg in kurzer Zeit war das Thema für zwei Dokumentarfilme". Heißt das, es wurden tatsächlich, Dokumentarfilme über dich gedreht??
Ja, die hatten nichts Besseres zu tun! (lacht) Eine komische Geschichte... Das ist das Gute daran, wenn man so ein Filmmusik- Besessener ist, wie ich. In Geneva, in der Schweiz, gab es einen Plattenladen, wo man die seltensten Soundtracks finden kannte, sehr obskure Sachen, für die sich sonst keiner interessiert. Als ich noch in der Schweiz lebte, war ich oft dort, habe geschaut, was es Neues gibt, habe mir Platten angehört und der Mann, der dort arbeitete, war ein Filmemacher und genauso ein Filmmusikfan wie ich. Nun bin ich dann nach Los Angeles gezogen und der Typ, der diese Doku gedreht hat, hat nach Leuten in LA gesucht und er kannte den Mann vom Plattenladen, mit dem ich sehr oft über aktuelle Soundtracks diskutiert habe. Nun hat der, der den Film drehen wollte, gefragt, ob er jemanden kenne, der kürzlich nach Hollywood gezogen sei und dort versuchte, Fuß zu fassen- so hat er dann meine Adresse bekommen und die Sache kam ins Rollen. Wenn du ein Soundtrack- Freak bist, bist du gleich auf der Liste von irgendwelchen Regisseuren. (lacht)
Hier in Hollywood habe ich dann eine Regisseurin getroffen, die auch aus der Schweiz war und die an einem Film über die Unterhaltungsindustrie arbeitete. Sie kannte jemanden, der mich kannte und so weiter. So läuft das hier immer. Du triffst Leute, wirst weiter empfohlen und kommst so an die Aufträge, du musst nur genug Menschen treffen. So lief das auch mit der Regisseurin, die zu der Zeit nichts Besseres zu tun hatte. Die Dokus wurden auch nur im Fernsehen in der Schweiz gezeigt, es ist also keine große Sache. Nicht viele Menschen haben das also gesehen, das ist das Gute daran. (lacht)
Du musst aber auch wissen, dass Filme in Europa zu vertonen, nicht wesentlich schlechter bezahlt wird als hier. Solange, bis du an die großen Blockbuster hier kommst, da kannst du schon gut verdienen.

Ennio Morricone hat ja aufgehört, für Hollywood zu arbeiten, weil er sagte, er würde nicht besser bezahlt werden, als die schlechtesten amerikanischen Komponisten. Weil er Europäer ist...
Richtig. Was ich in Interview gelesen habe, mag er es aber auch generell nicht so, hier zu arbeiten. Er sagte mal so etwas wie: Wenn mir hier ein Film angeboten wird und mich der nicht interessiert, verlange ich eine hohe Gage. Da muss ich dir eine Geschichte erzählen, woher ich das weiß: Der Regisseur von dem Film Shoot‘ em up wollte Morricone als Komponisten haben.
Von Morricone zu Haslinger...
Ich weiß, das ist ein großer Unterschied. Ich bin mit einem Mann befreundet, der da in der Produktion gearbeitet hat und rate mal, wieviel Morricone für diesen Job verlangt hat! 1 Million Dollar! Das konnten sie einfach nicht bezahlen, der Film hatte insgesamt ja "nur" ein Budget von 20 Millionen. Das hat mir mein Freund erzählt, er hatte auch meine Demo- CD an den Produzenten gereicht, aber der Vergleich zwischen Morricone und mir... nein, sorry! (lacht) So macht Morricone das wohl immer. Entweder er wird reich oder er schreibt die Musik halt nicht. Das kann er natürlich machen, er ist ja ein Multimillionär. So reich, dass er nicht mehr alles machen muss, eine Ikone der Filmmusik.
Ich hätte den Job auch für weniger Geld gemacht! (lacht)
Von Morricone und Williams kannst du dir ein und dasselbe Album immer und immer wieder anhören, es wird nie langweilig. Anders als bei manch anderen Komponisten.
Ich bin immer noch ein großer Soundtrack- Fan, ich bin auch zu der 30 Jahresfeier von Varése Sarabande gegangen, das war nur zwei Straßen von mir entfernt. Wie hätte ich das verpassen können?? Eine Menge von meinen Lieblingskomponisten waren dort, ich konnte mich mit Ed Shearmur und Mark Isham unterhalten, John McNeely, Don Davis. Sie waren sehr überrascht, weil ich richtige Notenblätter von ihnen mit hatte, jeder hat mich gefragt, wo ich die denn her habe. Das ist toll, wenn du für solche Leute in dem Business arbeitest, da geben sie dir auch Noten mit.
Lalo Schifrin ist der Wahnsinn, ein unglaublicher Kerl! Ich habe ihn zum ersten Mal getroffen, kurz nachdem ich hierher gezogen war. Da arbeitete ich bei Virgin, dem Plattenladen hier, an der Kasse in der Klassik- und Filmmusikabteilung, als ich Lalo Schifrin kommen sah und ich dachte: Sch..., das ist Lalo Schifrin!! Ich war sehr aufgeregt und dann kam er zu mir an die Kasse! Ich habe ihm dann die sehr dumme Frage gestellt: Entschuldigen Sie, sind Sie Lalo Schifrin? (lacht) Das war, als würde ich dich fragen, ob du Stephan bist!
Er war sehr freundlich und spricht sehr gut französisch, weil er in Frankreich studiert hat. Wir haben uns da sehr lange unterhalten, über Filmmusik und Jazz. Sieben Jahre später habe ich ihn dann beim Varése Sarabande Fest wieder getroffen und ihn darauf angesprochen. Er sagte, er würde sich erinnern (ich weiß nicht, ob er es getan hat) und war wirklich freundlich.
Im Moment ist er ja hauptsächlich auf Tournee und dirigiert seine Musik, die überall auf der ganzen Welt gespielt wird.
Achja und Brian Tyler! Hast du mal ein Foto von ihm gesehen? Er sieht so jung aus, wie ein Fashion- Model. Also habe ich ihn gefragt, ob er John Williams sei! (lacht)
All diese Komponisten waren sehr freundlich zu mir, ich habe das sehr genossen. Sag mir nächstes Mal einfach Bescheid, dann bringe ich dir ein Autogramm mit, solche Gelegenheiten gibt es ja selten, wo 12 oder 15 Komponisten in einem Raum versammelt sind.

Mittlerweile hast du ja auch schon 40 Filmmusiken geschrieben und das in nur sechs Jahren!
Ja, das könnte stimmen, ich habe bis jetzt noch nicht gezählt.

Aber ich!
(lacht) Das ist gut! Es können auch mehr sein.

Wie teilst du dir da deine Zeit ein?
Das kann ich gar nicht! (lacht) Ich arbeite eigentlich ständig an irgendeiner Musik, an irgendeinem Film, weil ich immer Angst habe, dass ich danach keine Angebote mehr bekomme. Nach meinem ersten Film war ich sehr aufgeregt, das war wirklich ein unglaublicher Müll von Film!! Ich habe den nicht mal auf meiner Webseite gelistet. Nach dem ersten Film habe ich den nächsten Auftrag auch erst 5 Monate später bekommen, den nächsten dann 2 Monate nach Fertigstellung des zweiten und mittlerweile arbeite ich oft an zwei Filmen gleichzeitig. Auf der einen Seite ist das toll, es kann aber auch sehr frustrierend sein, weil du nicht immer soviel Zeit in einen Film investieren kannst, wie du vielleicht gerne möchtest. Aber du musst so viel arbeiten, wenn du es nicht machst, verlierst du die Verbindung zu dem Regisseur und natürlich dem Geld.
Ich liebe es, Musik zu komponieren, also möchte ich auch nicht diese Verbindung verlieren. Im Moment nehme ich eigentlich jeden Film an und hoffe, dass ein Regisseur davon der nächste Spielberg wird. Da habe ich aber auch kaum Wochenenden oder Tage zum Entspannen, was meine Freundin ziemlich nervt, weil sie sich oft übergangen fühlt. Es gibt Leute, die rufen dich erst in letzter Minute an, weil sie gerade erst einen Komponisten gefeuert haben und schnell eine neue Musik brauchen. Einmal hatte ich nur zwei Wochen Zeit um 54 Minuten Musik zu schreiben. Da kannst du dann aber auch nicht einfach sagen: Seid ihr verrückt?, sondern du musst sagen: Klar, gerne, ich bin euer Mann! Auch wenn ich dachte, sie seien verrückt.
Ich habe dann immer eingewilligt und die Musik innerhalb dieser Zeit selbst komponiert, ich habe keinen Ghostwriter oder irgend jemanden, der mir da beim Komponieren zur Hand geht, dafür bin ich viel zu egoistisch. Würde mich zum Beispiel ein Orchestrator fragen, ob er ein paar Noten zu meiner Musik hinzufügen darf, würde ich ihn zum Teufel jagen und für verrückt erklären. Jede Note ist meine Note und damit hat es sich! (lacht)
Einmal habe ich mit einem Freund von mir zusammengearbeitet, das war für einen Kurzfilm, da hat er ein kurzes Stück Musik geschrieben, aber das war eigentlich auch nur, weil ich ihm helfen wollte, sich einen Namen zu machen und einen Einblick zu bekommen. Das habe ich aber auch nie verheimlicht. Ich lasse ungern Leute für mich arbeiten.
Weißt du, wenn Komponisten diese Leute für sich arbeiten lassen, ist das natürlich schlecht für mich, denn dann können sie sechs, sieben oder acht Filme annehmen und alle tragen dann ihren Schriftzug auf dem Filmplakat. Wenn sie das nicht tun würden, könnten sie nur vier oder fünf Filme machen und die anderen Aufträge würden vielleicht an weniger bekannte Komponisten gehen, die einen größeren Auftrag brauchen, um sich einen Namen zu machen. Das ist alles andere als hilfreich. Regisseure oder Produzenten interessieren sich nicht dafür, wer letztendlich die Musik wirklich geschrieben hat, sie haben die Musik, die sie wollten und sind zufrieden, solange der Soundtrack gut ist. Ich bin da wirklich nicht für, andererseits kann ich aber auch verstehen, warum sie es tun, nur wäre ich dazu nie in der Lage, ich bin einfach zu sehr auf mich selbst fixiert. (lacht)

Du hast ja auch ein Buch geschrieben über die Zusammenarbeit von bekannten Regisseuren und Komponisten, richtig?
Es ist eigentlich kein richtiges Buch, sondern mehr eine These oder, wie wir in der Schweiz sagen ein "Memoir". Ich habe das geschrieben, als ich am Konservatorium studiert habe, das war sehr interessant, weil ich viele von diesen Zusammenarbeiten analysiert und viel gelesen habe. Das hat mir in meinem Beruf viel geholfen. Manchmal gebe ich über dieses Thema noch Seminare. Diese Beschäftigung mit dem Thema halte ich für sehr wichtig, weil es meinen Horizont in Bezug auf die verschiedene Verwendung und die unterschiedlichen Arten von Filmmusik erweitert hat. Eines der Wichtigsten ist natürlich das Leitmotiv, aber da gibt es noch so viele verschiedene Möglichkeiten, eine Filmmusik zu schreiben, das ist sehr interessant. Dabei findest du heraus, wie du die Zuschauer im Kino manipulieren kannst und das nur mit deiner Musik. Sie denken über etwas nach, dass aber gar nicht passiert! Du kannst Dinge, Gedanken mit der Musik hervorrufen, die auf der Leinwand gar nicht existieren. Schau dir Blade Runner an! Wo ist die Grenze zwischen Sound Design und Musik? Klimek und Heil, Asche und Spencer mit ihrem Stay- Soundtrack zum Beispiel. Da gibt es keine Grenze. Graeme Revell macht das oft, ich experimentiere damit ab und zu, aber ich bin ja ein Niemand, da interessiert das keinen. (lacht)

Denkst du nicht, solche "Musik" ist eher Arbeit eines Sound- Designers?
(überlegt) Ja und nein... Für mich ist jeder Sound ein Teil der Musik. Dialoge, die Tür die knarrt. Ich würde dafür nicht dieselbe Musik schreiben, wenn ich den Sound nicht habe, der sorgt ja auch für die Atmosphäre. Jeder Sound hat eine bestimmte Tonhöhe. Ich komponiere Musik, die ergänzt, diesen Sound vervollständigt, in derselben Tonhöhe. Deshalb denke ich, ist es gut, wenn ein und dieselbe Person das macht, weil es dann einfach zusammenhängender klingt. Ich hasse es, wenn ich Musik schreibe und dann so ein verrückter Sound Designer kommt und irgendwelchen besch... lauten Geräusche über die Musik legt, die zur Komposition gar nicht passen, die nicht dieselbe Tonhöhe haben. Das wird ein Chaos, das sagt überhaupt nichts aus. Es ist gut, jemanden intelligenten zu haben, der den Sound auf deine Musik abstimmt, das ist aber leider sehr selten.
Eine Frauenstimme hat ja auch eine bestimmte Höhe oder wenn zwei Männer kämpfen und sich anschreien, versuchst du ja auch, ein bisschen Platz zu lassen, weil es sonst in großes Chaos ausartet. Ich mag es nicht, wenn der eigentliche Sound erst zum Schluss, nach meiner Musik eingefügt wird, oft bin ich dann sehr enttäuscht von dem, was ich höre. Ein Sound Designer, der Musik nicht liebt, tut immer schreckliche Sachen. Das wollte ich nicht sagen, aber es ist wirklich schrecklich!

Lass uns mal kurz auf Candy Strippers zu sprechen kommen. Du hast die Musik für einen Softporno geschrieben und eine Auszeichnung für die beste Filmmusik dafür bekommen??
Nein, nein, das ist kein Softporno. Man sieht einige Brüste, aber eigentlich ist es ein Horrorfilm und bestimmt kein Film, auf den ich stolz bin! (lacht) Die Filmproduzenten haben Playmates angeheuert und viel Geld bezahlt, dass sie in diesem Film mitspielen, weil sie unbedingt ein paar Brüste und Hintern zeigen wollten.
Ich war jung und brauchte das Geld... außerdem hatte ich auch nicht viel Zeit für die Musik, es waren nur drei Wochen und alles war sehr hektisch.

Wie würdest du die Musik beschreiben?
Es ist komplett elektronische Musik, aufgrund des Zeitmangels blieb mir da keine Wahl. Ich denke, sie ist aber ganz gut geworden, ich mag sie. Nur, wenn du wirklich schnell komponieren musst, greifst du automatisch auf älteres zurück, von dem du weißt, dass es funktioniert, das ist nichts Neues für dich. Du kannst da nicht viel Kreativität reinstecken und entwickelst ein paar Tricks, auf die du aufbaust. Klingt vielleicht ganz einfach und gut, aber das sind nicht die Aufträge, nach denen du suchst.
The Irish Vampire Goes West ist besser, weil ich da mehr Zeit hatte, nach bestimmten Tönen zu suchen, ein Konzept zu entwickeln. Das Interessanteste ist für mich, das zu machen, was völlig Neu für dich ist und was du noch nie gemacht hast. Keiner mag das, wenn man von dir verlangt, immer dasselbe zu machen. Ich habe das schon gemacht, warum soll ich das noch mal machen? Du hast einen Drang nach Kreativität und willst ihn ausleben.
Schau dir Marco Beltrami an. Er ist durch die Scream Filme bekannt geworden und wird oft für Horrorfilme gebucht.
Oder Christopher Young.
Ja, das kann ziemlich langweilig für einen Komponisten sein. Die Regisseure verlangen dann z.B. von Marco Beltrami: "Mache das aus Scream noch mal! Wir lieben das!"
Marco hatte sich sehr auf Teenage Mutant Ninja Turtles gefreut, das war ja etwas völlig Neues für ihn. Leider wurde seine Musik dann abgelehnt. Marco ist gut auf jedem Gebiet, er kann einfach jede Art von Film vertonen.
Ich bin mittlerweile auch eher auf Horrorfilme festgelegt, weil ich davon schon viele gemacht habe. Nicht, weil ich das will, das ist eben der Markt, auf dem im Moment mehr Horrorfilme gedreht werden als alles Andere. Je mehr ich arbeite, werde ich wohl auch immer mehr Horrorfilme angeboten bekommen. Dasselbe gilt für Christopher Young.

Er arbeitet ja gerade an Tale Of Two Sisters, schon wieder ein Horrorfilm.
Das liegt an Sam Raimi, mit dem er ja schon oft und gerne zusammengearbeitet hat. Chris liebt Horrorfilme, aber er macht auch gerne andere Filme, er sucht nicht verzweifelt nach Horrorfilmen.
Das läuft so, wenn du länger mit einem Regisseur zusammengearbeitet hast. Raimi hat ja die Spiderman Filme gemacht und Christopher hat ja bereits für Teil 2 ein bisschen Musik geschrieben, da hat Sam Raimi ihn gefragt, ob er nicht The Messengers vertonen will, den er produzierte. Weil Chris ihn glücklich machen wollte, hat er den Auftrag angenommen, man möchte ja auch ein gutes Verhältnis zu einem Partner aufrecht erhalten. Er macht es ja auch gerne, versteh mich da nicht falsch, nur manchmal ist es auch viel Politik. Manchmal siehst du ja erfolgreiche Regisseure, die auf einmal einen Film drehen, der gar nicht zu ihnen passt, da fragt man sich dann, warum er das getan hat. Weil der Regisseur ein gutes Verhältnis zum Studio aufrecht erhalten will. Er hat ja einen Vertrag und wird damit sozusagen gezwungen, eine bestimmte Anzahl von Filmen zu drehen, die man dann angeboten bekommt. Dann machst du es einfach.

Viele deiner Filmmusiken sind in der Schweiz eingespielt worden.
Nicht wirklich. Ich habe einen Freund in der Schweiz, der Sänger ist und ein Studio hat, der nimmt ein paar Kleinigkeiten da für mich auf und ein anderer Freund möchte auch Filmkomponist werden, dem gebe ich meine Noten, der kopiert sie für mich. Diese "Copyisten" nennt man hier in Hollywood Orchestratoren. Kommt aber auch immer darauf an, wenn du z.B. für Williams oder Goldsmith orchestrierst, ist das wirklich nicht mehr, als die Noten sauber abzuschreiben, damit die Musiker sie lesen können. So etwas lasse ich von meinem Freund machen, damit er einen Einblick in das Geschäft hier bekommt.
Aber viele von meinen Filmmusiken werden in Bulgarien eingespielt- jedenfalls die, welche ein Orchester brauchen. Es ist günstiger und die Musiker da sind schneller, weil sie schon einige Filmmusiken eingespielt haben und erfahrener sind als die Musiker in der Schweiz.

Bist du bei den Aufnahmen immer anwesend?
Ich war da noch nie anwesend! (lacht)

Möchtest du deine Musik nicht kontrollieren?
Ich habe mir die Aufnahmen hier in LA angehört, aber direkt anwesend war ich nie. Ich kann auch von hier Feedback geben, wo ich ein Crescendo brauche, wo eine falsche Note ist und so weiter. Das Budget und der Redaktionsschluss erlauben es mir nicht, dorthin zu fliegen. Sie nehmen ein Stück auf und schicken es mir gleich per Internet zu, dann habe ich es gleich hier. Die Aufnahmen schaue ich mir aber auch live über das Internet an, höre zeitgleich zu und sage dann immer gleich meine Meinung.
Sehr verrückt war das, als die meine erste Filmmusik eingespielt haben. Da habe ich mir das noch nicht live angesehen und konnte nur hoffen, dass es gut geworden ist, als ich die Aufnahmen zugesandt bekommen habe.
Ich habe vorher vieles ausprobiert: Moskau, Prag, aber Bulgarien war am günstigsten.

Aber du kannst dirigieren?
Ja, könnte ich, aber bei den Aufnahmesitzungen in Bulgarien kann ich das ja nicht machen.
Weißt du, im Osten aufzunehmen ist günstig, aber du darfst da auch keine Wunder erwarten. Du bekommst, wofür du bezahlt hast, aber auch nicht mehr. Die Musiker da sind zweifellos gut, aber die Tontechniker oder die Tonqualität sind hier, aufgrund der Räume, besser. Es gibt eben schon Gründe, warum sie billiger sind. Das ist auch der Grund, warum ich billiger bin als andere Komponisten! (lacht)

Du könntest auch Synth- Musik machen und in LA aufnehmen, aber du bevorzugst ein Orchester und nimmst deshalb in Bulgarien auf!?
Ja, genau. Früher hatte ich fast nie die Gelegenheit, ein Orchester zu verwenden, mittlerweile mixe ich auch Samples, die ich hier aufnehme, mit den echten Orchesteraufnahmen. Manchmal ein Mix, manchmal ein Orchester, manchmal nur Synths. Ich wünschte, ich hätte immer die Gelegenheit, mit einem Orchester arbeiten zu können, aber auf diesem Level bin ich leider noch nicht.

Du veröffentlichst deine Filmmusiken ja auf deinem eigenen Label "Spheris Records". Wie kam es dazu?
Erstens wäre niemand daran interessiert, meine Musik zu veröffentlichen, weil es unbekannte Filme sind und weil ich ein unbekannter Komponist bin. Das sind zwei Gründe, es nicht zu tun! (lacht) Warum sollte ich sie von jemand anderem veröffentlichen lassen, der damit Geld machen möchte? Die Summe, die ich mit den CDs verdiene ist lächerlich. Ich habe viel in die Maschine investiert, mit der ich das alles machen kann, ich möchte schöne Cover haben, da ist die Qualität der Fotos wichtig. Ich versuche, mein Bestes zu geben. Wenn ich die CDs produzieren lassen würde, könnte ich nicht alles entscheiden, so habe ich die Wahl, welche Musik ich auf CD packen möchte. Aber es ist eben auch kein Label interessiert- ich bin ein Niemand und mache Filme, die niemand kennt.

Welche Musiken wählst du dann aus, die veröffentlicht werden? Candy Strippers ist ja noch unveröffentlicht...
(lacht) Das wird sie auch bleiben! Ich wähle Musik aus, die bestimmte Qualitätsmaßstäbe erfüllen und bei Candy Strippers hatte ich schlechte Samples. Das möchte ich nicht veröffentlichen. Wenn deine Musik eine schlechte Tonqualität hat, ist die Musik so schlecht wie die Tonqualität, zumindest wird das heute so gesehen.
Freunde und Soundtrack- Sammler sagen mir immer, ich solle alles auf CD herausbringen, sie wollen alles haben und alles soll erhältlich sein, aber ich halte das im Moment nicht für eine gute Idee, weil sie mich dann für einen schwachen Komponisten halten würden. Mache ich irgendwann mal eine reine Orchestermusik zu einem großen Film, werden sich die Leute die CD nicht anhören, weil sie meine schlechte Synthmusik zuvor gehört hatten.
Vielleicht veröffentliche mal einen solchen Synthscore, wenn ich bekannt bin, da können die Leute sagen: Oh, das hier ist sein schlechtester Score, das macht Spaß, ihn zu hören.
Goldsmith hat das auch gemacht, von ihm gibt es nun auch schreckliche Synthesizer- Scores. Wenn man berühmt ist, macht man das, aber nicht ein Vincent Gillioz, das wäre ein schlechter Stempel.
Diesen Score von mir, den du ja nicht magst, Pray For Morning, ist das nicht eher Mainstream im Gegensatz zu meinen anderen CDs?

Ich denke eher nicht. Ich mag das erste Stück, aber es wird schnell langweilig, weil da kaum etwas passiert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein 17-jähriger sich das eine Stunde lang anhören würde. Da finde ich die anderen interessanter.
Okay. (lacht) Vielleicht ist God’s Waiting List der einfachste zum Hören?

Ich bevorzuge Quelques Jours avant la nuit.
Aber du hörst auch eine Menge Filmmusik und bist für mich nicht der Durchschnittshörer, wenn du verstehst, was ich meine. Das ist nicht böse gemeint, eher ein Kompliment. Den Durchschnittshörer möchtest du ja nicht schockieren und ihm eher etwas Leichtes empfehlen, was nicht so anstrengend ist, da würde ich ihm Gods Waiting List geben.
Appearence Of Things ist ziemlich düster, intim, eine einsame Musik, vielleicht sogar ziemlich depressiv stimmend...

In diesem Score verwendest du ja viele Soli, vor allem das Cello nimmt eine wichtige Stellung ein...
Ja. Ich hatte das Glück mit einem tollen Regisseur zusammenzuarbeiten, der mit Musik aufgewachsen ist und Avantgarde Musik liebt, auch Kompositionen von Leuten, die ich noch nie gehört habe. Er fand auch englische Barockmusik super, mit der ich persönlich gar nichts anfangen kann. Es war eine sehr interessante Aufgabe, er hatte eine Szene des Films mit Musik von Purcell, dem englischen Komponisten des Barock, unterlegt und wollte, das ich Musik schreibe, die genau dieses Gefühl vermittelt. Aber er wollte keine Barockmusik haben. Ich konnte damit sozusagen spielen, um die richtige Atmosphäre zu bekommen. Jemand anderes wollte, dass ich zeitgenössische Musik schreibe, die ich sehr gerne mag. Das kannst du gut für Horrorfilme verwenden, da bringen klassische Harmonien nichts, da kannst du verrückte Sachen machen. Aber zurück zum Appearence Of Things: Auf der einen Seite dieser Einfluss von der englischen Barockmusik und dann die Technik der zeitgenössischen Musik, das kannst du ein bisschen hören, wenn du dir die Stellen mit dem Cellosolo anhörst. Der Film selbst ist ja auch ein zeitgenössisches Theaterstück. Sie haben Oscar Wildes Salomé adaptiert in die heutige Zeit, das fand ich toll, dass ich einen Film hatte, der experimentell war. Es gibt da ja ein Stück auf der CD, das "Collage" heißt, für den Track habe ich alle wesentlichen Themen der Musik noch einmal aufgegriffen, aber der Anfang ist eigentlich nur Sound Design, damit zu experimentieren macht ungeheuren Spaß. Diese Filmmusik ist für mich kein Mainstream, nichts, das man normalerweise hört, ich selbst finde es da ziemlich anstrengend, aufmerksam zuzuhören. Es gibt da keine einprägsamen Melodien, die du sofort nachpfeifen kannst, wenn du sie einmal gehört hast.

Wie wichtig sind dir denn Melodien?
Sehr wichtig. Ich schreibe Filmmusik ja nicht nur für mich, sondern für die Filme und auch für Leute, die die Musik genießen und bei denen etwas hängen bleiben soll. Ich versuche immer, einige einfache Melodien in die zeitgenössische, komplexe Musik einzubauen, an die du dich einfach erinnern kannst. Das ist zwar nicht immer der Fall, aber ich versuche da die Balance zu halten, weil es fatal wäre, wenn du jemandem im Kino oder zuhause im Sessel sitzen hast, der zeitgenössische Musik überhaupt nicht mag- du willst ja nicht, dass er aufsteht und geht.
In The Irish Vampire Goes West ist das ja auch so, dort gibt es nicht viele Themen, höchstens drei oder vier und der Rest ist vielleicht eher anstrengend.

Ich habe bei deinen Filmmusiken sehr selten den vollen orchestralen Bombast gehört, du bevorzugst da eher Soli...
Ja, wobei Pray For Morning ein sehr großes Orchester hatte, da war es spannend mit den ganzen Klangfarben zu experimentieren. Dann Appearence Of Things, der viele Soli hat, sehr intim ist und wo nur in den zeitgenössischeren Stücken ein richtiges Orchester zu hören ist und Irish Vampire Goes West, ein Film, der in Irland spielt, wo ich eine neue Herausforderung haben wollte. So habe ich die Instrumente Irlands verwendet, wollte aber auch keine typische Irlandmusik haben, das wäre ja nichts Neues. Es ist ein irländischer Horrorfilm, wann siehst du schonmal sowas, da habe ich einen Dudelsack verwendet und ihm Töne entlockt, die du nie von einem Dudelsack hörst, bestimmte Percussion verwendet und die Solo- Violine, ein Instrument, dass man oft in Irland hört oder die keltische Harfe, die kleiner ist als die üblichen Harfen hier. Das war wirklich schwierig, weil es eben auch ein Horrorfilm ist, für den ich keine fröhlichen, netten Folkmelodien schreiben konnte.

Und die Mezzo- Sopranistin!
Stimmt, die Regisseurin hatte den Film mit Temp Tracks unterlegt, zwei Stücke, die aus einem Requiem stammten, einmal Bach, einmal Mozart. Das sind die einzigen Stellen im gesamten Score, wo ich eine andere Orchestration hatte, als im Rest, denn da habe ich eine Orgel, Mezzo- Sopran und das Orchester verwendet.
Die Musik ist insgesamt auch länger als auf der CD, wo es ja nur 45 Minuten sind, im Film ist es eine Stunde Musik. Ich entscheide also, wie die sich die CD am Besten hören lässt, welche Stücke man veröffentlicht und in welcher Reihenfolge.

Du hattest also auch hier Temp Tracks?
Ja, wobei die meisten Temp Tracks von mir selber waren, nämlich von meiner Demo CD, die ich eingereicht hatte und von der auch ein paar Stücke letztendlich im Film geblieben sind. Mich hat das nicht gestört, Musik für einen Film sollte zusammenhängend klingen und das tut sie in diesem Fall.
Eigentlich stören mich Temp Tracks generell nicht, es hängt davon ab, was man damit machen soll. Wenn dir die Produzenten sagen, du sollst den Track einfach nur kopieren, dann ist das sehr frustrierend und störend, aber meistens wird mir gesagt, dass sie die Atmosphäre in dem Stück lieben und dass man etwas Ähnliches machen soll. Dann ist das okay.
Weißt du, was ich immer mache? Ich schaue mir den Film einmal mit dem Tempscore an und dann schalte ich die Musik immer aus und höre sie nie wieder. Dann weiß ich, welche Atmosphäre sie haben wollen und versuche, sie so zu komponieren, dann werde ich von dem Tempscore nicht zu sehr beeinflusst und kopiere ihn nicht bloß. Vorlagen gibt es immer, in Horrorfilmen werden immer viele Streicher verwendet und dann gibt es auch Regisseure, die keine Violinen haben wollen, weil sie die hassen, wie der Regisseur von Reign Of Fire, Ed Shearmurs Projekt. Da hatte der Regisseur ihm gesagt, er mag keine Geigen, also hat er keine Geigen verwendet, aber dafür Bratschen. Es hängt also immer davon ab, was genau die Leute von dir wollen. Ich höre mir Temp Tracks nur einmal an und manchmal bringen sie mich dafür um. "Oh, ich hatte so einen schönen Temp Track, den du imitieren solltest!!" Dann sage ich denen immer: "Ihr wisst genau, dass ich mir den Temp nur einmal anhöre, ich möchte ihn nicht kopiere. Ich möchte einen eigenen Stil entwickeln, meine Kreativität einbringen." Aber um dir die Wahrheit zu sagen, passiert es auch, dass sie direkt von dir verlangen, nur zu kopieren und ich glaube, genau das nimmt im Laufe der Zeit in Hollywood immer mehr zu. Das ist total langweilig, hängt aber alles mit der Entwicklung der Technologie zusammen. Im Golden Age hatten sie keine Temp Tracks und wussten nicht, wie der Score letztendlich klingen würde, da sind viele individuelle, ungewöhnliche Filmmusiken entstanden, heutzutage kannst du gar keine Musik mehr machen, ohne vorher einige Synth- Demos eingereicht zu haben. Dann lassen sie dich erst gar nicht zum Orchester. All das erlaubt heutzutage keine außergewöhnlichen, individuellen Musiken mehr, vieles klingt gleich. Im Golden Age hörten die Produzenten oft nur Themen am Klavier vorgespielt und mussten sich dann überraschen lassen, früher war die Musik dadurch viel durchdachter als heute. Hör dir mal Korngolds Robin Hood an, der Soundtrack ist viel besser ausgearbeitet als neue Filmmusiken oder irgendwas von Leonard Rosenman, da bist du heutzutage ganz erstaunt, was es früher alles gab und denkst dir nur: Wow! Oder Jerry Goldsmith mit Freud oder Planet Der Affen. Aber auch Goldsmith musste seinen Stil ein wenig ändern, weil er sonst nicht mehr zeitgemäß gewesen wäre.

Ja, Goldsmith hat ja mal gesagt, man solle versuchen, in jede neue Filmmusik etwas Ungewöhnliches einzubauen.
Das ist gut, das mag ich. Wenn man das nicht macht, wird man verrückt. Ich versuche das auch, bei L’Ecart, da gibt es viele Passagen für Soloklavier für all die berührenden Momente, das Orchester ist etwas größer als bei Appearence Of Things, ich denke, dass L’Ecart sich sehr unterscheidet von meinen anderen Musiken. Für God’s Waiting List gibt es ja verschieden Elemente innerhalb des Scores: elektronische Gitarre, viele Streicher, Synthesizer, die Trompete, die Trommeln, die Orgel. Ich denke aber, dass die Musik trotzdem einheitlich bleibt, dass nicht jeder sagt: Was hat der Junge da alles reingepackt, was ist das für ein Mist? Ich will ja nicht Frankenstein spielen, alles zusammenpacken und nachher klingt es hässlich.
Was denkst du denn darüber? Ich würde mich über ernst gemeinte Kritik freuen, hörst du irgendwelche Einflüsse heraus, findest du etwas anstrengend, etwas schön...?

Man hört schon deinen eigenen Stil heraus, weil du ja gerne und oft Solopassagen einbaust, ich höre da eben selten das volle Orchester. Ich mag diese intime Atmosphäre.
Ja, das hängt alles mit dem Budget zusammen. Du kannst leider nicht für großes Orchester schreiben, wenn sie dir das Geld dafür nicht geben.

Ich vermisse einprägsame Melodien in deinen Musiken, es gibt ja immer viele Motive, aber nicht wirklich Melodien, die du nachpfeifen kannst oder die irgendwie hängenbleiben.
Da muss ich dir zustimmen... Vielleicht gibt es beispielsweise in Pray For Morning zuviele Melodien oder Motive, sodass wir die wesentliche Melodie nicht entdecken! (lacht) Für mich sind viele Melodien zu offensichtlich, da habe ich oft Angst davor, dass wir immer dasselbe hören. Deswegen variiere ich die Melodien immer, vielleicht so stark, dass wir die eigentliche Melodie gar nicht mehr erkennen. Du kennst das ja, wenn du immer nur die gleiche Melodie in einer Filmmusik hörst, ist das auch anstrengend und da wiederholst du dich dann nur. Aber ich arbeite dran! (lacht)
Ich denke, da ist The Irish Vampire Goes West am offensichtlichsten, ich habe die Erkennungsmelodie für den Vampir dort oft wiederholt... wahrscheinlich nicht oft genug... aber das ist eigentlich auch keine Melodie, sondern eher ein Motiv.
Aber ich gebe dir Recht, das kannst du ruhig schreiben, ich werde daran arbeiten! (lacht)

Was ist mit deiner Musik zum Film "Say It In Russian" passiert? Wurde der abgelehnt?
Nein, nicht direkt abgelehnt. Eine sehr komplizierte Geschichte...

...für Komponisten ist es immer unangenehm über abgelehnte Musiken zu sprechen, ich weiß.
Mich selbst stört das keineswegs- Chris Young hasst das, er sagt immer: Bitte sprich mich nicht darauf an, es bricht mir das Herz. Du kennst ja seine abgelehnten Musiken zu Invaders From Mars oder An Unfinished Life. Ich habe mit ihm gesprochen, als seine Musik abgelehnt wurde und er wollte wirklich nicht darüber reden, er war sehr traurig darüber.
Dann überrascht es mich, dass ausgerechnet seine Schülerin Deborah Lurie ihn ersetzt hat.
Verschiedene Agenten! (lacht)
Dass ich bei Say It In Russian ersetzt wurde, hatte nichts mit der Musik an sich zu tun, die war noch nicht mal komplett fertig gestellt, sondern nur etwa 70 Prozent davon.
Es gab bei diesem Film drei verschiedene Cutter und der Erscheinungstermin des Films wurde immer wieder verschoben, mal nach hinten, mal nach vorne, das war ein reines Chaos. Als ich an dem Film gearbeitet habe, habe ich sehr eng mit dem Produzenten zusammengearbeitet, dem ich immer meine Stücke dafür geschickt habe und er war immer begeistert. Dann war er aber zwischenzeitlich im Urlaub und ich bekam eine E- Mail vom Leiter der Nachbearbeitung, der mich gefragt hat, wann ich denn mit der Musik fertig sei. Daraufhin habe ich ihm geschrieben, dass ich zum Termin, den sie mir gesetzt hatten, fertig sein würde. In der nächsten Mail hat er mich dann direkt beleidigt, mich gefragt, ob ich verrückt sei und was das denn solle. Ich war ziemlich verwirrt, warum er so verstört sei und bekam dann heraus, dass die mir nicht gesagt hatten, wann sie den Film mixen wollten. Da der Termin immer wieder verschoben wurde, hatten sie wohl vergessen, mir den aktuellen Stand mitzuteilen, ich hatte immer noch den viel späteren Termin.
Dieser Typ ist ziemlich cholerisch und hat mich verbal angegriffen, das war alles andere als professionell und ich bevorzuge den diplomatischen Weg. Er gab mir drei Wochen um den "fucking" Score fertigzustellen und da verstand ich, wo das Problem war. Ich habe mit ihm dann aber nicht mehr gesprochen und mit dem Produzenten, einem sehr netten Menschen, korrespondiert. Für mich war das kein Problem, ich hatte vollständige Musiken schon in weniger als drei Wochen geschrieben, der Produzent fand das großartig und hat mich ermutigt, er wollte auf jeden Fall, dass ich weitermache. Wir haben dann E- Mails an alle Beteiligten geschrieben, dass wir nur noch mit denen direkt sprechen wollen und die Termine haben möchten, ohne vom Leiter der Nachbearbeitung abhängig zu sein, da wir nichts mehr mit ihm zu haben wollten und auch keine Zeit mehr hatten, mit ihm selbst weiter zu verhandeln. Er war daraufhin so wütend und eingepisst, dass er mich rauswarf! (lacht)

Und er hat einen neuen Komponisten geholt, der in weniger als drei Wochen einen komplett neuen Score schreiben musste?
Ja! Das ist doch absoluter Unsinn!
Normalerweise hat ja so ein Post- Production Supervisor gar nicht die Macht, einen rauszuwerfen, das ist ja ein Niemand, aber bei diesem Projekt war vieles anders. Der Produzent dieses Films war eigentlich gar nicht der Produzent, nur ein Mann mit viel Geld, der da ein bisschen mit dran gearbeitet hat- er hat das Drehbuch mit seiner Freundin geschrieben, die gleichzeitig auch die Hauptdarstellerin ist und der Film ist über ihre eigene Geschichte, wie sie sich getroffen haben und sich verliebt haben. Ziemlich schlecht, um ehrlich zu sein! (lacht) Nun hat dieser "Produzent", der eigentlich nur das Drehbuch geschrieben hat, den Post- Production Supervisor engagiert, Leute zusammenzustellen, die an diesem Film mitwirken. So hat er seinen Freund als Regisseur engagiert und mich als Komponist, weil er meine Musik für God’s Waiting List mochte und auch daran gearbeitet hatte. Mein Agent und er hassen sich, ich habe die E- Mails gelesen, die sie sich geschrieben haben, mein Agent war immer sehr diplomatisch, aber dieser Typ ist einfach ein Idiot und hat ihn oft beleidigt.
Den Sound Mixer hat das alles sehr viel Geld gekostet, weil die Musik oft bearbeitet wurde, dann rausgeschmissen, dann ersetzt, das war sehr frustrierend für ihn. Ich habe eine Nachricht vom Sound Mixer auf meinem Anrufbeantworter, er hat mich angerufen und gesagt: Vincent, du bist so verdammt gut dran, dass sie dich rausgeworfen haben von diesem entsetzlichen Film!
Er hat sich auch gewünscht, dass er gefeuert wird! (lacht)

Muss man nicht einen Komponisten voll bezahlen, auch wenn er gefeuert und seine Musik nicht verwendet wird?
Ja, aber das haben sie auch nicht gemacht, sie haben mir ungefähr zwei Drittel von meiner Gage bezahlt. Für das, was ich gemacht habe, wurde ich gut bezahlt, also will ich mich nicht beschweren!
Ich finde es nicht schlimm, dass sie mich rausgeworfen haben, es ist schade, für die Musik, ich finde, sie passt zum Film und natürlich muss ich sagen, dass meine Musik großartig ist! (lacht) Ich kann dir mal ein paar Szenen mit meiner Musik schicken, ich bin sicher, dass dir die gefallen werden, weil ich etwas sehr romantisches dafür geschrieben habe und ich denke, an die Melodie wirst du dich erinnern. Dann kannst du mir sagen, ob die Musik passt oder ob sie stinkt! (lacht)

Schreibst du nebenbei auch noch Konzertmusik?
Das habe ich gemacht, als ich auf dem Konservatorium war, aber dann wollte ich erfolgreich als Filmkomponist sein und habe mich nur darauf konzentriert. Für Konzertmusik habe ich auch keine Zeit.

Gibt es da ein Traumprojekt, einen Film, an dem du unbedingt arbeiten möchtest?
Ja, natürlich, ich würde gerne größere Filme vertonen. Auf dem Level, wo ich noch bin, gibt es eben kaum Geld für ein Orchester, wenn man mehr Geld bekommt, kann man die ganze Palette des Orchesters ausnutzen, bestimmte Instrumente verwenden, Effekte, man hat ein gutes Aufnahmestudio, einen guten Mixer und all sowas. Wenn Millionen von Menschen einen Film sehen, hören sie auch deine Musik, das ist toll, um dein Ego zu streicheln! (lacht) Ich glaube aber auch nicht, dass man absolut frei komponieren kann, wenn man für größere Filme arbeitet, es wäre aber ein Vergnügen, mal mit einem großen Orchester zu arbeiten. Man muss einen Weg finden. Toll, wenn man dann genügend Geld für die Musik bekommt, dass man das Orchester nutzen kann, welches man möchte.
Das Problem, was beliebt ist natürlich das mit den Temp Tracks. Ich habe Komponisten getroffen, die kein Problem darin sehen, von anderen Komponisten zu stehlen, die sagen dann, es geht eben um die Atmosphäre und wenn es die Melodie eben schon gibt, wen stört es??
Das finde ich schlimm, der Job des Komponisten ist es ja, etwas Kreatives zu machen, etwas, das passt und das es nicht schon gibt. Wenn jemand sagt, diese Melodie passt gut zum Film, dann übernehme ich sie einfach, dann ist das für mich ein zweitklassiger Komponist oder eher auch ein Arrangeur.
John Williams, sein Star Wars und Erich Wolfgang Korngolds Kings Row- ich kann dir noch mehr Beispiele nennen, wo John Williams sich hat inspirieren lassen oder auch mal abgeguckt hat, aber wenn du dir seine Talente im Komponieren anschaust, ist das okay. Auch Goldsmith hat das mal gemacht, in seinem Planet Of The Apes hat er sich sehr an Bartok und Strawinsky angelehnt. Es gibt da Momente, wo du sagst: Moment, das ist Strawinsky, genau da!
James Horner stiehlt auch viel.

Aber meistens von sich selbst. Ich finde das okay, es ist ja seine Musik, damit kann er machen, was er will.
Naja, er stiehlt auch viel von anderen- Schubert, Prokofieff zum Beispiel. Oder Hans Zimmer. Der Actiontrack aus Gladiator ist aus Gustav Holsts Planets geklaut. Diese Leute von Remote Control, die alle dasselbe machen und wo keiner weiß, wer genau was gemacht hat.

Einige junge Komponisten gehen ja zu Hans Zimmer und arbeiten für ihn, um einen Namen zu bekommen und einen guten Start ins Filmmusikgeschäft. Du hast das nicht gemacht.
Es ist absolut nicht meine Art von Musik, wie du hören kannst und ich möchte auch nicht für andere Leute schreiben. Natürlich kann das ein guter Anfang sein, Ramin Djawadi, der sechs Jahre bei Zimmer war und jetzt an großen Filmen arbeitet, aber ich möchte nicht Remote Control gehören, das würde mir nicht gefallen. Dieser Stil ist aber momentan voll im Trend in Hollywood.
Für mich klingt diese Musik viel zu sehr nach Plastik, aber Bruckheimer mag das ja, deshalb hat er Alan Silvestri bei Fluch der Karibik rausgeworfen. Es gibt ein paar Zimmer Soundtracks, die ich mag. Smilla’s Sense Of Snow, mit Gregson Williams, ich mag auch den Film, vielleicht liegt es daran.

Wie sieht es denn bei dir mit neuen Projekten aus?
Der nächste Film, der kommt ist Last Breath, ein wirklich guter Horrorfilm. Was sie aus diesem winzigen Budget herausgeholt haben ist unglaublich! Eine tolle Story, so ein bisschen wie M Night Shyamalan. Kein Horrorfilm, wo du ins Kino gehst und sagst: Okay, ich will Blut sehen!
Da gibt es wirklich eine tiefgreifende Geschichte und ich habe sehr viele Freiheiten für die Musik, das ist toll. Ich wollte da mal was neues ausprobieren und habe bestimmte Geräusche mit dem Orchester vermischt, metallische Gegenstände eingearbeitet zum Beispiel.
Zwei weitere Filme, von denen ich nicht weiß, welcher zuerst fertig ist- einer davon heißt Dark House.
Dann vielleicht noch einen Film aus der Schweiz, eine Koproduktion mit Luxemburg. Wenn man Geld bekommt aus Luxemburg muss man auch Leute aus Luxemburg für den Film engagieren, das ist ein Problem, ich komme ja aus der Schweiz, also wird die Regisseurin für mich kämpfen müssen. Es ist dieselbe Regisseurin, welche die Dokumentation über mich gedreht hat und nun macht sie einen Thriller über Polizisten. Der Film hat ein Budget über zwei oder drei Millionen. Das ist nicht schlecht für die Schweiz. (lacht) Ich hoffe, sie haben auch genug Geld für die Musik.
Und noch ein Film mit Louis Gossett jr., ein Schauspieler, den man wohl eher kennt. Es ist ein Pilotfilm für eine Fernsehserie, die Miracle Mile heißt. Im Juni haben sie mit den Dreharbeiten angefangen, also du siehst, ich bin da sehr früh dabei.

Machst du dir dann schon Gedanken über deine Musik, bevor du den Film bekommst?
Leider nicht, weil ich im Moment einfach zu viele Filme habe. Ich beende die Musik für einen und fange dann sofort mit dem nächsten an, da mache ich mir groß im Vorneherein keine Gedanken darüber, da fehlt mir die Zeit.
Ach ja, dann mache ich noch einen Horrorfilm und einen Film mit Billy Zane. Diese Newcomer, die Filme drehen müssen, die von Vincent Gillioz vertont werden, arme Leute! (lacht) Ich werde da morgen mal das Set besuchen.
Im September arbeite ich an einem Kurzfilm von einer deutschen Regisseurin, die möchte nächste Woche von mir schon ein bisschen Musik haben, ich weiß noch nicht, wie genau ich das machen soll- eine ganz liebe Frau. Es ist eine Art Märchen und heißt Federleicht.

Veröffentlichst du weiterhin aktuelle Filmmusiken von dir?
Ja, als nächstes möchte ich Cut Off rausbringen, für den hatte ich nur vierzehn Tage Zeit. Die Instrumentation unterscheidet sich sehr von meinen anderen Werken. Ein Drama- Thriller mit Western- Elementen. Da habe ich eine akkustische Gitarre verwendet, man soll den Eindruck haben, dass man sich wirklich im Wilden Westen befindet.
Dann möchte ich noch Frost veröffentlichen, Musik zu einem Giallo- Film.
Und vielleicht werde ich noch die Musik zu einem Kurzfilm veröffentlichen, ein japanischer Film, der Tengu Gaiden heißt. Der Regisseur hat den Film mit Musik von Philip Glass unterlegt und er wollte, dass ich mich da stark dran anlehne. Ich liebe die Musik von Philip Glass, wollte deswegen nicht bloß kopieren und habe meinen eigenen Minimalismus geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den veröffentlichen soll, vielleicht ist da zu wenig Vincent Gillioz drin.
Ich schicke dir ein paar Ausschnitte, dann kannst du mir sagen, was du denkst- es ist eine Musik mit Klavier und Streichquartett.

Vielen Dank! Dann wäre ich eigentlich auch fertig...
Du musst müde sein! (lacht)
Es wär schön, mit dir zu sprechen!

Ebenfalls und nochmals vielen Dank, dass du dir soviel Zeit genommen hast!


Mein besonderer Dank geht an Dominik Rolewicz, der für mich bei Christopher Young an die Tür geklopft hat, um ihn nach einem Zitat über Vincents Arbeit zu bitten.

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